Gratzer, Aurelia: “Hidden Structures”

AURELIA GRATZER
„HIDDEN STRUCTURES“

Abbildung: Aurelia Gratzer „Shaft“, Acryl auf Leinwand, 140 x 180 cm, 2011

AURELIA GRATZER

Abstrakte Wahrnehmung (Von Eva-Maria Bechter)

Kann die eigene Wahrnehmung überhaupt hinterfragt werden? Sind nicht unser Seheindruck und dessen Auslegung nur die ureigene Realität von jedem selbst?  Ist diese dann auch gleichzusetzten mit der Realität, Perzeption und Auslegung unseres Gegenübers? Das sind die Fragen, mit denen sich Aurelia Gratzer in ihrer Malerei intensiv auseinandersetzt; im Spannungsverhältnis zwischen „authentischer“ Abbildhaftigkeit und Irritation. Die räumliche Empfindung, die plötzlich die Frage nach der Perspektive aufwirft, und die Auseinandersetzung mit dem binokularen Sehen, das nicht von der Zentralperspektive geprägt ist, spielen eine zentrale Rolle.
Um diese Bereiche zu untersuchen, bedient sie sich dem ureigenen Medium der Malerei: Farbe, zweidimensionaler Malgrund und der Pinsel als Malwerkzeug.

Ausgehend von Abbildungen in Zeitschriften, erschließt Aurelia Gratzer gedanklich ihre Leinwand. Die meist schon in ihrer Abbildhaftigkeit täuschende Vorlage wird in einzelne Flächen zerlegt. Die vermeintliche Realität wird zerstört, zum einen durch die schärferen Umrisslinien, die sogleich die Assoziation von einem Druckverfahren auslösen, zum anderen durch das flache „Zersplittern“ des Gesehenen. Jede Farbläche wird gleichwertig behandelt, wird einzeln betrachtet, und ohne den Kausalzusammenhang des Großen malerisch auf der Leinwand ausgeführt. Die Irritationen, die sich bei dem Betrachter ergeben – oft erst durch längeres Hinsehen –sind somit im Malvorgang schon angelegt. Was ist rationale Realität? Diese Frage steht hinter diesem Vorgang, denn die Realität bezieht sich stets auf zwei unterschiedlichen Ebenen: Der Ebene des Wissens und der Ebene des empfundenen Wahrnehmens. Gebildet durch die tägliche Auseinandersetzung mit Abbild, Realität, Natur und wahrnehmbarer Umgebung sehen wir in der linken oberen Fläche des Bildes „Solitär“ auch sogleich eine Himmelssituation. Die Malerei manifestiert sich in unserem Kopf zu einem von Wolken verhangenen Himmel. Automatisch wird diese erkennbare Realität im Gesamtbild als tiefer wahrgenommen, weil eben als Himmel interpretiert. Das vermeintliche Haus mit seiner Terasse steht viel näher am Betrachter. Und die helle Fläche im Hintergrund – vielleicht eine Mauer, die das Schwimmbad im Vordergund abschliesst? Ist diese weiter hinten, weiter vorne, oder doch in einer Achse mit der Hauswand? Wie wird dies wahrgenommen? Wie verändert dieses helle Rechteck den Gesamteindruck des Bildes? Aurelia Gratzer merkt hier aber auch an, dass es selbstverständlich unterschiedliche Rankings in der Wahrnehmung gibt. So wird die Form eines Hauses, eines Bettes, die Farben des Himmels viel eher in eine Schublade von Wirkung und Realität verstaut, als die Rolltreppe im Bild „Shaft“. Diesen Gegenstand benutzt man zwar mitunter täglich, doch ist die Form noch nicht so in unserem Bewußtsein verankert, wie eben die zuvor genannten Gegenstände. Dies kann mit ein Grund sein, weshalb diese Arbeit um einiges abstrakter wirkt, wie etwa das Bild „Kopf“, oder auch „Womens digest“. Aurelia Gratzer sieht ihre Malerei verstärkt im Bezug zur Abstraktion. Dadurch, dass die einzelnen Flächen in einer gleichen Wertigkeit auf der Leinwand erscheinen, kommt es zu einer malerischen Gleichbehandlung, die den Sehnerv von der Realität der Darstellung loslöst. Das Erkennen liegt einzig im Wissen um die Abbildhaftigkeit.

Aurelia Gratzer versteht es, in feinsten Nuancen mit dieser Thematik der Abstraktion und der Irritation zu spielen, wenn sie eine grüne, gerade Abschlusslinie einer Fläche mit ein wenig Rot versieht, so, dass das Auge des Betrachters diese Linie dann automatisch in der nächsten orangen Linie als Komplementärkontrast erkennt und die beiden Geraden gedanklich verbindet, obwohl beide nicht auf einer Ebene liegen. Hier spielt die Malerin mit dem Phänomen der optischen Täuschung.

Täuschungen entstehen bei ihr aber nicht nur durch die malerische Umsetzung und Farbe, sondern auch durch ihre Titelwahl. Für sie „brauchen“ die Bilder einen Titel, auch wenn dieser gar nichts mit der Darstellung zu tun hat. Ihre Kunst, die auf den ersten Blick so gegenständlich wirkt, siedelt sie mit all den Fragen, die darin gestellt werden, in der Abstraktion an. Würde man die Bilder dann ohne Titel belassen, wären sie allzu hermetisch und unpersönlich. Der Titel, der oft willkürlich gewählt ist, gibt dem Bild Individualität, aber öffnet auch eine weitere Ebene, in der der Bezug des Benannten unweigerlich auch im Bild gesucht wird – aber oft nicht gefunden werden kann.

Durch Gratzers Vorgang, ihre aus Illustrierten entlehnten Abbildungen, in die einzelnen Bildflächen zu übersetzen und diese in absoluter Gleichwertigkeit mit einer malerischen Rafinesse auf die Leinwand zu übertagen – denn schwarze Flächen wirken nur auf den ersten Blick als solche, tatsächlich wird die Nichtfarbe Schwarz nicht eingesetzt, was wiederum zu einer Tiefenwirkung führt – haben die Bilder eine enorme perzeptive Spannung. Die Feinheiten, die in den einzelnen Bereichen eines Bildes stecken, vermag der Betrachter erst mit der Zeit in seiner gesamten Komplexität zu erfassen. Wenn nun in den letzten Arbeiten ihre Farbpalette aufbricht und die Künstlerin nun auch Rosa- und Blau-Töne zulässt, so erkennen wir, dass die Irritation in der Wahrnehmung für Aurelia Gratzer noch längst nicht abgeschlossen ist. Die letzten Bilder sind klarer, exakter ausformuliert, genauer in der Behandlung der einzelnen flächigen Partien, teils auch abstrakter, wenn man an die Arbeit „Shaft“ denkt.

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